8 Uhr, ich wache ohne Wecker auf. Es wird wohl der Baulärm sein, der mich geweckt hat. Das Packen geht schnell, die Maschine und ich sind noch vor 9 Uhr wieder unterwegs Richtung Süden.
Eine gute Gelegenheit, die App von kurviger.de auszuprobieren. Webseite und App sind speziell für Motorradfahrer gemacht. Die Webseite ist hervorragend. Touren können geplant werden mit verschiedenen „Kurvigkeitsgraden“. Ebenfalls können gpx-Daten importiert werden, die von anderen Webseiten stammen – wovon ich ausführlich Gebrauch gemacht hatte im Vorfeld der Reise.
Leider ist die App nicht ganz so gut – eigentlich ist sie nicht zu gebrauchen 😉 Zum einen funktioniert sie hochkannt ganz passabel, aber Landscape geht gar nicht. Und sie saugt den Aku sehr schnell leer, was mir am Abend noch ein kleines Abenteuer bescheren wird.
Aber ich probiere die App trotzdem aus. Was mich nach ein paar Kilomentern an einer Baustelle enden lässt. An Wochenenden oder nachts fahre ich mit meiner Enduro meistens einfach durch. Aber an dieser Baustelle arbeiten richtige Bauarbeiter! Viele! Mit Maschinen! Kenne ich so gar nicht aus dem besten Deutschland aller Zeiten … also wieder zurück: sowohl auf der Straße, als auch zu Google Maps, hilft ja nix.
Google leitet mich wieder – gestern ebenfalls schon – auf eine wunderbare, kaum befahrenen Strecke. Kurven, ein liebliches Tal, Wiesen und sonst nicht viel.

Langsam werden sie mir unheimlich … diese Googles …

Außerdem ist mein Wunsch nach „5°C mehr“ in Erfüllung gegangen. Je weiter ich nach Süden kommen, desto wärmer wird es. Ich hatte beim Start in Ulm Pullover und Hoody angezogen unter die Moppedjacke – jetzt muss ich mich auspellen. Wobei der Himmel immer noch Wolken zeigt und es im Schatten kühl ist. Typisches Norwegenwetter eben.
Bei einem Zwischenstop konsultiere ich die Karte und habe eine Idee: warum den Bodensee im Westen umfahren, wenn ich die Fähre von Friedrichshafen nach Romanshorn in der Schweiz nehmen kann?
Abgesehen davon wäre ich dann gegen 12 Uhr in Friedrichshafen, also genau zur guten Frühstückszeit. Gesagt, getan. Es geht über wunderbare Nebenstrecken ziemlich genau Richtung Süden. Nach ungefähr einer Stunde stehe ich an der Fähre.

Das hat schon wieder etwas von Norwegen, wo die Benutzung der Fähren so normal wie bei uns Busfahren ist. Ich suche mir einen etwas abseits gelegenen Vietnamesen und frühstücke heute mal eine Glasnudelsuppe mit Gemüse und Hühnchen. Mundet sehr und versorgt mich mit weiterer Vorfreude auf die Fährpassage.

Dann sind wir drauf auf der Fähre. Es ist nicht viel los, 3 Autos, ein paar Radler, Fußgänger.

Friedrichshafen verschwindet in der Ferne.

Motorradstiefel Steuerbord.

Ich grinsend und zufrieden ob meiner spontanen Entscheidung.

Am anderen Ufer erscheint langsam die Schweiz.

Einen Wermutstropfen für die Insider unter uns: ich wollte einen Kaffee trinken in Arbon, im Hotel Wunderbar. Abgesehen davon, dass Arbon eine einzige Baustelle ist und kein Durchkommen, scheint das Hotel nicht mehr zu existieren. Google meldet „Dauerhaft geschlossen“, die Domain im Netz gibt es auch nicht mehr. Sehr schade!
Also weiter Richtung Zürich. Ich kämpfe mit den üblichen Onlinebeschränkungen in der Schweiz, müsste mir extra Volumen kaufen. Mache ich nicht, zumindest nicht jetzt. Aber die Route ist schon vorher auf dem Telefon gelandet und die Navigation funktioniert.
Der Großraum Zürich ist unfassbar voll. Staus, Staus, Staus. Bin ich von der Schweiz gar nicht gewohnt. Abgesehen vom dichten Verkehr ist die Ursache schnell ausgemacht: Ampeln. Die Schweiz hat – eigentlich – fast überall Kreisverkehre. Aber nicht hier, hier haben die Genossen Ampeln gebaut. Nun denn, ich stop-and-goe mich somit um Zürich herum mit 5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit.
Irgendwann war auch dieser Großraum zuende und ich konnte wieder fahren. Gegen 17.30 Uhr erreiche ich meine Unterkunft in Widen, einem Vorort von Zürich. Auspacken, duschen, umpacken und dann Richtung Boswil, zum Boswiler Sommerfestival.
Heute steht einer der besten Kammerchöre der Welt auf dem Plan – Tenebrae. Seit ich diesen Chor entdeckt habe, war ich nicht auf die Idee gekommen, dass er ja auch auftritt – bis vor ein paar Wochen. Und der 9.7. und 10.7. liesen sich perfekt in meine Tour einbauen. Einen wunderbaren Eindruck von der Klasse des Chores bekommt man beim Miserere mei, Deus – der Clip hat nicht umsonst mehr als 25 Millionen Aufrufe zu verzeichnen.
Als ich in Boswil ankomme, meldet sich der Hunger. Ein Süppchen ist zu wenig, merke ich. Aber das macht ja nichts, schließlich verköstigt das Sommerfestival auch seine Gäste, wie ich erfahre. Es gibt ein leckeres Buffet, Getränke, Nachtisch. Alles im Preis der Karte inbegriffen. (Die letzte Aussage war ein Scherz … allerdings hätte man das bei dem Kartenpreis erwarten können. Aber egal, so oft bin ich nicht in der Schweiz …)
Als es ans Zahlen geht, stellen wir fest, dass meine Karte nicht funktioniert. Naja, es war wohl eher das Gerät – aber egal. Sogleich kam eine nette Dame an meinen Tisch und meinte, ich könne ihr den Betrag – abgerundet – in Euro geben, sie begliche das dann mit ihrer Karte. Schweizer Höflichkeit, ich sage herzlich danke.
Das Konzert findet in der alten Dorfkirche von Boswil statt. Sie ist, so wie es aussieht, profanisiert worden, hat aber ihre alte Würde erhalten können.

Für die Qualität des Aufführungsortes spricht auch der große Steinway Konzertflügel, der still und, so scheint es, sich seiner optischen und akustischen Wirkung bewußt, gemessen auf seinen Auftritt wartet.

Dann treten sie auf, die Tenebrae. Heute in kleiner Besetzung. 8 Frauenstimmen, 8 Männerstimmen. Sie eröffnen mit Versa est in luctum von Alonso Lobo, einem Komponisten des späten 16. Jahrhunderts. (Fußnote: wem der Name Lobo bekannt vorkommt sollte Alonso nicht mit Sascha verwechseln. Ergüsse des letzteren verhalten zu sich zu den Werken des ersteren wie … man sollte diese Dinge nicht vergleichen, merke ich gerade. Damit tut man beiden Unrecht.)
Dann kommen wir zum Großmeister schlechthin – BACH. Seine vierstimmigen Choräle, ich zitiere aus dem Programmheft, „haben eine musikalische Tiefe, die bis heute nachwirkt. Sie beruhen auf überlieferten Melodien und sind oft sehr knapp gefasst, doch ihre Wirkung ist immens: harmonisch verdichtet, emotional durchdrungen, von klarer Logik und innerer Bewegung.“
Das Ganze wird kombiniert mit Bachs Partita Nr. 2 in d-Moll, gespielt von Sarah Christian. „Sie gehören zum Tiefgründigsten, was Bach geschrieben hat – die fünf Sätze seiner Partita in d-Moll – und stehen exemplarisch für Bachs Kunst der inneren Einheit.“
Wenn Bach erklingt, zumal dargeboten von den Besten der Besten, dann verwandelt sich jeder noch so karge Raum in eine Kirche; eine vormals gewesene Kirche gleichgar. Es heißt, das Bach der fünfte Evangelist gewesen ist, der sein Evangelium in Form seiner Musik verfasst hat. Bachs Musik ist nicht von dieser Welt, sie ist, wenn man so will, ein Gottesbeweis. Nichts unbeseeltes, profanes kann solche Werke erschaffen. Mir kommen sie vor wie eine Echo der Schöpfung.
Der Abend schließt mit einem mir bisher unbekanten Komponisten – Hubert Parry. Er lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und gilt als Spätromatiker. Seine Songs of Farewell erhalten durch Tenebrae ihren letzten Schliff. Ein schöner Abschluss, passend zu Bach.
Erfüllt von Bach und seinen irdischen, singenden Vollbringern stoße ich auf ein unerwartetes Problem: die oben besagte App hat den Aku leergesaugt. Ich darf also ohne Navi, in der Dunkelheit, die Strecke zurück in meine Unterkunft „ertasten“. Gott sei Dank hatte ich mir vorher noch einmal die Karte eingeprägt, und die eine oder andere Wegmarke konnte ich ebenfalls in der Erinnerung finden.
So habe ich es letztlich gegen 23 Uhr geschafft, glücklich und wohlbehalten in meiner Unterkunft zu landen. Ein langer, schöner Tag hat sich geneigt. Morgen gehts nach Zürich und abends darf ich das zweite Konzert mit Tenebrae genießen. Und das ohne den Stress beim Nachhausefahren – schließlich kenne ich jetzt den Weg.
Start: Ulm
Ziel: Widen bei Zürich
Via: Friedrichshafen
Strecke: 285,6 km
Gesamt: 467,4 km