Der Tag beginnt mit einer Überraschung. „Möchtest Du einen Kaffee?“ flötet es aus der Küche. Meine Wirtin, die bis eben abwesend war, ist offenbar heute früh in die Wohnung zurück gekehrt und hat Kaffee gemacht. Klar möchte ich einen Kaffee. Dann zeigt sie auf einen gedeckten Frühstückstisch und hält mir, fast entschuldigend, eine Packung Toastbrot entgegen: „Ich habe leider nur Toastbrot …“ Das ist ein Service! Wir unterhalten uns noch etwas, sie hat eine Tochter in Düsseldorf und fährt heute hoch – eine halbe Weltreise.
Dann die Maschine aufgesattelt, gepackt hatte ich schon gestern Abend. Punkt 10 Uhr bin ich auf der Strecke Richtung Martigny. Die altbekannte Fernstraße Nr. 1 begleitet mich noch ein Stückchen, dann verlasse ich sie. Das Wetter ist phantastisch. Wie schon gestern, scheint mein Wunsch „Bitte 5°C mehr.“ jetzt jeden Tag in Erfüllung zu gehen 😉 Es ist warm, viel wärmer sollte es nicht werden.
Gegen 12 Uhr ist wieder Zeit für ein Frühstück. Eine kleine Brasserie an der Straße lädt ein.

Es ist einfach und nahrhaft, nett angerichtet – der Tag ist schon wieder ein Wunderwerk.

Man beachte den kleinen Zahnstocher mit Olive, Knoblauch und Zwiebel 😉

Meine Wasserflasche hat übrigens jetzt ein Plätzchen gefunden, wo sie keinen Platz in einem Koffer wegnimmt und gut zu erreichen ist – die Lücke scheint wie für die Flache gemacht.

Weiter geht es Richtung Süden. Ich entschließe mich kurzfristig 😉 anstatt die direkte Route zu nehmen, den Jaunpass zu besuchen. Der ist nicht besonders hoch (1508 m), aber Zu- und Abfahrt sind phantastisch für Moppeds.

Und die Ausblicke erst!

Ich bin nicht der Einzige, der sich hier oben wohlfühlt.

Ich komme durch Thun. Kein Stop, aber eine Vormerkung. Scheint ein hübsches Städtchen zu sein. Viele Leute unterwegs, eine Altstadt, macht einen netten Eindruck.
Es geht weiter. Heute ist Fahrtag, also weniger Anhalten und mehr Strecke machen. Es werden am Schluß ungefähr fünf Nettostunden gewesen sein, also schon relativ viel. Trotzdem gibt es natürlich zwischendurch Pausen.

Dann geht es runter ins Rhone-Tal. Dort ist es noch einmal wärmer. Und anders als in der deutschsprachigen Schweiz. Hier im Wallis bzw. Valais ist der französische Alpen-Beton-Stil viel weiter verbreitet als im Rest der Schweiz. Dieser „Stil“ war mir schon bei meiner letzten Alpentour unangenehm aufgefallen. Die Franko-Schweizer haben offenbar da selbe „Händchen“ wie die alpinen Franzosen.
Ich erreiche Martiny gegen 18 Uhr. Fahre einen Supermarkt an, um noch Brot und ein Bier für den Abend zu kaufen. Das freundliche „Bon jour“ und dann „Au revoir, merci!“ lassen mich schmunzeln. Frankobeton ist vergessen, ich bin ein bisschen in Frankreich – und das ist schön.
Die Fahrt zum Campingplatz ist dann die Krönung. Eine Bergstrecke, die wie gemacht für ein Mopped ist. Knapp 20 Kilometer, dann laufe ich auf einem schönen und naturbelassenen Campingplatz ein. Camping de Van d’En Haut. An der Rezeption möchte ich für 3 oder 4 Tage buchen. Die nette Dame am Empfang sagt, dass es komplett voll sei und ich maximal eine Nacht bleiben kann. Mmmh, ich rede ein wenig mit ihr, ein wenig englisch, dann wieder französich und wünsche mir innerlich, dass es einen Platz für mich und mein Zelt gibt. „Sie haben nur ein kleines Zelt, oder?“ fragt sie auf französisch. Ich bestätige. Und tatsächlich, nach einigem Überlegen kann ich bleiben. Sie sagt zwar, dass es sein kann, ich müsste umziehen – aber mein Platz ist wie gemacht für mich und mein Zelt.

Ich wünsche mir, dass ich dort bleiben kann, bis ich weiter will 😉 Dann sagt sie noch, als ob sie Gedanken lesen kann, ich kann bleiben, 3, 4 oder 5 Tage und soll dann erst bei der Abreise zahlen. Merci á vous! Das Zelt ist bald aufgebaut, mein Mopped steht auch gut.

Der Bergfluss gleich nebenan kühlt die Getränke sehr gut, jetzt bin ich gespannt auf meine Trekkingmahlzeit, die sich hochtrabend „Tactical food package“ nennt. Naja, der Name scheint dann auch schon das aufregendste an den Mahlzeiten zu sein. Jedenfalls ist das nichts, womit Du in den Krieg ziehen solltest. Man sollte sowieso nicht so ohne weiteres in den Krieg ziehen, aber das ist ein anderes Thema. Ich werde also die restlichen „Taktischen Speisen“ in den nächsten Tagen vertilgen – und ansonsten kräftig zufüttern 😉
Der Blog von heute entsteht leider offline, das Camp ist so was von Natur, dass es hier kein Netz gibt. Ich werde also morgen gleich als erstes diesen Beitrag online stellen, sobald ich irgendwo ein Signal empfangen kann. Aber man weiß ja: offline ist das neue bio!
Es wird langsam ruhiger hier auf dem Platz, es wird dunkler, und es wird angenehm kühler. Vielleicht wird die Temperatur sogar einstellig heute Nacht, wir werden sehen. Nach dem heißen und langen Fahrtag fühlt sich das sehr erholsam an. Morgen fahre ich weniger, wahrscheinlich nur die kurze Einstiegsoffroadstrecke hier um die Ecke. Ich lasse mich überraschen.
Start: Widen
Ziel: Camping de Van d'En Haut (Martigny)
Via: Jaunpass (1508 m)
Strecke: 300,5 km
Gesamt: 880,9 km