Die Sonne weckt mich kurz nach 8 Uhr.

Das ist der Vorteil am Camping im Tal – man kann halbwegs ausschlafen.


Ein Kaffee, das Mopped umgebaut und dann geht es runter nach Martigny. Zwei Aufgaben: Café suchen mit WLAN und dann noch den Reifendruck vermindern, heute wird es offroadig. Hoffe ich zumindest.
Ich fahre nach Martigny rein, und nach wenig Suche entdecke ich eine Brasserie namens „Casino“. Sie hat WLAN, eine freundliche, portugiesisch-stämmige Chefin und einen guten Platz zum Schreiben.

Nachdem also der Post von gestern erfolgreich in die Höhe geladen wurde, geht es auf die Piste. Ich lasse mich noch einmal von der Kurviger-App führen – auch sie hat eine zweite Chance verdient. Heute geht sogar das Landscape-Format. Die App führt mich zuerst – auf die Autobahn. Obwohl ich das ausgeschlossen hatte. OK. Immerhin erkennt das System, wenn ich von der Route abweiche. Das tue ich, um Luft aus den den Reifen zu lassen. Beladen und Straße bin ich mit 2,2 atm gefahren, im Gelände und ohne Gepäck reduziere ich erst einmal auf 1,9 atm. Wahrscheinlich geht noch weniger, mal probieren.

Die Einsteigerroute in der Nähe von Martigny entpuppt sich als „sehr“ Einsteiger. So gut wie kein Schotter oder ähnliches, praktisch nur Asphalt.

Oben ein Pass – der Col du Lein (1658 m) – mit relativ vielen Leuten, aber trotzdem schöner Aussicht.

Im Tal am Südabstieg zweifache Zumutung: optisch und akustisch. Erstere wird produziert von den schon bekannten frankbetonierten Architekturen. Zweitere ist offenbar ein Animateur, der im Tale willig Volk zu unterhalten sucht. Seine überdrehte – es ginge auch „übertrete“ – Stimme überbrückt die mehreren 100 Höhenmeter bis zum Pass mühelos. Was soll man dazu noch sagen …
Ich genieße die Abfahrt ohne App – sie ist jetzt vorläufig rehabilitiert – zusammen mit Gleitschirmfliegern. Komme durch besagten Retortenskiort durch, der aus Frankobeton besteht und irgendwie an Disneyland erinnert. Egal, nur schnell durch.
Relativ bald bin ich wieder am Campingplatz. Duschen und mir einen Kaffee machen steht auf dem Plan und dann packen für einen Stadtbesuch in Martigny.

Voller Erwartung demontiere ich den großen Koffer, der kleine reicht ja morgen für die Tour über den Grand St. Bernard zu.
Auf der Abfahrt nach Martiny erreiche ich um 16.47 Uhr die 1.000 km Marke 😉 der Tour.

In Martigny suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und will mich umziehen. Mein Blick fällt auf den leeren Platz des großen Koffers. OK, das ist jetzt blöd – weil die Motorradklamotten ja in den großen(!) Koffer müssen. Der kleine Koffer nimmt diese nicht auf. Ich muss laut lachen – super Plan. Heute also kein Stadtbummel.
Kurze Lagebesprechung mit mir. Wir kommen zum Schluss, stattdessen noch eine kleine Tour zu machen. Die Karte verrät mir, dass es eine sehr kurvenreiche Strecke hoch zum Campex-Lac gibt. Ich fahre also in westlicher Richtung aus Martigny raus und verlasse die Fernstraße 21 dann nach ein paar Kilometern in Valettes.
Was für eine Entdeckung! Die Strecke ist der Hammer. Kurven über Kurven, steil geht es bergan, es ist anstengend und macht unfassbar viel Spaß. Oben am See dann wieder eine Überraschung. Ich hatte einen Pass mit dazugeschaltetem stillen und einsamen Bergsee erwartet. Oben residiert allerdings wieder der Frankobeton, wenn auch nicht so brachial wie woander; es gibt einen älteren Ortskern.
Die Abfahrt nach Orsières ist ebenfalls sehr schön, mit wundervollen Fernsichten. Jede sieht ähnlich aus, doch alle sind so unterschiedlich, dass ich mich kaum satt sehen kann.

Bei der Rückfahrt nach Martigny heute Mittag fiel mein Blick auf einen Wegweiser nach „Mauvoisin“. Moment mal, den Ort kenne ich doch! Ich halte an und schaue nach. Und tatsächlich, es ist das Mauvoisin, welches ich vor 20(?) Jahren schon einmal besucht hatte. Damals allerdings mit einem Caprio. In Mauvoisin gibt es ein zauberhaftes kleines Hotel. Es liegt zwar in der Nähe der Staumauer Barrage de Mauvoisin, aber das macht nichts. Dass es das Hotel noch gibt, ist ein gutes Zeichen. Ich widerstehe dem Impuls, dort jetzt hochzufahren – die Straße ist leider Oneway, man muss wieder zurück.
Gegen 18.45 Uhr bin im Camp zurück. Hungrig und mit der Erfahrung des gestrigen Tütensuppenabenteuers gewappnet entschließe ich mich, heute gleich zwei taktische Tüten zu verarbeiten. Kartoffelstampf mit Hühnchen. So wie es aussieht, enthalten die Tüten allerding höchst unterschiedliche Mengen an Nahrung, sowohl, was Volumen betrifft, als auch, was den Wasserverbrauch angeht. Hatten gestern 300 ml Wasser aus meiner Bolognese mehr oder weniger eine Tomatensuppe gemacht, reichen heute 600 ml (die empfohlene Menge für 2 Tüten) hinten und vorne nicht aus, den Brei in eine form- und essbare Konsistenz zu transformieren. Ich schätze mal, dass ich fast 1,5 l Wasser brauche, um die Nahrung ohne Hammer und Meissel vom Topf zu befreien. Allerdings: lecker wars dann schon.
Die schöne Seite der Medaille ist, dass ich heute nach dem Essen tatsächlich satt bin 😉 fühlt sich nach diesem Tag gut an, immerhin waren es wieder mehr als 200 km, dutzende Haarnadelkurven und viele Höhenmeter. Morgen steht der Große St. Bernard auf dem Plan. Dort oben haben Mönche im 12. Jahrhundert ein Hospiz und eine Art Auffangstation für verirrte Pilger geründet. Ebendiese Mönche haben die berühmte Berhardiner gezüchtet, die dann im Laufe der Zeit unzählige fehlgeleitete – also rein topographisch, nicht in Glaubensfragen (obwohl, wer weiss …) – Pilger gefunden und gerettet haben. Das dazu gehörige Museum auf der Passhöhe werde ich besuchen.
Zuvor wird es aber morgen erst wieder in das Café „Casino“ gehen – das Café mit gutem WLAN und gutem Kaffee ;-), um diesen Post hochzustellen.
Start: Camping de Van d'En Haut Ziel: Camping de Van d'En Haut Via: Pass Col du Lein (1658 m), Campex-Lac Strecke: 207,1 km Gesamt:1066,0 km