Was für eine große Stadt! Knapp 5 Millionen Einwohner, zweitgrößte Stadt Russlands, nördlichste Millionenstadt der Welt. Auf einer Fläche von über 1.400 Quadratkilometern (Berlin hat gerade mal 891) finden sich, ausgehend von dem Anfang des 18. Jahrhunderts von Peter dem Großen angelegten alten Kern, prunkvolle Gebäude, großzügige Plätze, breite Boulevards – hier Prospekte genannt. Eine Stadt, auf dem Reisbrett erdacht und in den damals hier vorhandenen Sumpf gesetzt. Vielleicht hätte man die Kollegen vom BER ersteinmal hierher schicken sollen …
Wir fahren mit einem kleinen Bus der Linie 405 über den Ostdamm hinein in die Stadt. Es sind ca. 30 km, die wir zurück legen. Das zieht sich. Raus gelassen werden wir an der Metrostation Чёрная речка, zu deutsch „schwarzer Fluß“. Zwei Stationen mit der Metro, dann sind wir im – touristischen – Zentrum der Stadt angelangt, am Newski Prospekt. Der Name entstammt der ursprünglichen Verbindung, die diese Straße zwischen dem Admiralsplatz und dem Alexander-Newski-Kloster herstellte.

Frühstückszeit im Haus Singer – ja, der mit den Nähmaschinen. Viele deutsche Bezüge gibt es hier, Zeugen guter und langjähriger Zusammenarbeit der beiden Nationen. Das Haus beherbergt, neben dem Restaurant, auch den größten Buchladen der Stadt.

Wir gelangen weiter auf den Admiralsplatz, dem zentralen Platz von St. Petersburg.

Schön, aber leider wie zu erwarten viele „touristische Attraktionen“, die irgendetwas verkaufen wollen. Und natürlich viele Fußballfans – es ist WM. Weiter gehts zu Fuß in Richtung Peter-und-Paul-Festung. Dort nahm St. Petersburg seinen Anfang, damals noch Sankt-Pieterburch.
Dort erwartet uns eine Konzertprobe der besonderen Art. „Musik des Krieges und des Sieges“steht in großen Lettern über der Bühne. Ein Chor und ein Orchester. Davor ein Solist, ein Bass. Ein russischer Bass. Er singt ein Stück von Chesnokov. Wunderbar. Aber warum hier und heute? Dann fällt es mir ein: heute ist der 22. Juni. Der Überfall von Hitlers Deutschland auf die Sowjetunion jährt sich zum 77 Male. Und wie jedes Jahr gedenken die Russen der Opfer. Und ihrer Leistung, damals die Faschisten zurück geschlagen zu haben. Die Geschichte lebt in diesem Volke und ist lebendig. Der zweite Weltkrig heisst hier nur der „Große Vaterländische Krieg“. Die Russen haben ihre Geschichte nicht einfach mit dem Untergang der Sowjetunion entsorgt. Es gibt sie noch, die Leninstatuen, die Leninstraßen, und die Symbole mit Hammer und Sichel, und bei weitem nicht nur auf den T-Shirts für Touristen. Es gibt noch das Leningrad hinter dem St. Petersburg.

Auch dafür steht etwas weiter der Panzerkreuzer „Aurora“. Jenes Schiff, dass der Legende nach den Signalschuss zum Sturm auf der Winterpalais gegeben haben soll und damit die Oktoberrevolution einläutete.

Für mich als Ossi ist der Besuch also gewissermaßen Pflicht 😉 auch wenn mittlerweile das Verhältnis von Folkore zu Geschichte eher bei 80 zu 20 den bei 50 zu 50 liegt. Aber egal, das Buggeschütz mit dem historischen Schuß bekommt ein Photo.

Ganz bewußt ohne sich davor zu postieren … wir, Jacob und ich, waren jetzt also sowohl an dem Ort, an dem es begann – hier – und auch an dem Ort, an dem es endete: in Berlin an der Mauer. Es: das größte Gesellschaftsexperiment der Geschichte, genannt Sozialismus.
Langsam werden uns die Füße schwer – die Stadt ist riesig! –

… und wir fahren noch mit der Metro zu einer der prunkvoll ausgestatteten Stationen – Площадь Восстания

Apropos prunkvoll. Es gibt eine Menge Vorurteile in der Welt. Auch über die Russen. Der Verkehr ist höllisch – das stimmt, siehe oben. Die Straßen außerhalb der großen Städte voller Schlaglöcher? Durchaus möglich.
Aber an jeder Ecke Schnapsleichen? Unsinn. Wir haben nicht einen(!) Betrunkenen gesehen. Mag sein, dass viele Touristen das Bild verändern, dass St. Petersburg nicht Russland ist und das wir nicht abends unterwegs waren. Aber das Bild, dass wir von den Bewohnern gewonnen haben, könnte auch aus einer der anderen großen Städte dieser Welt stammen. Die Metrofahrenden könnten auch in der Londoner Tub sitzen, die Menschen in den Restaurants auch in irgendeinem Lokal in Paris. Und wo wir gerade von Paris sprechen: Die Damenwelt der Petropole ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Da ist Paris deutlich näher als Berlin.
Was ebenfalls noch auffällt: so gut wie keine Übergewichtigen. Es ist erstaunlich. Gerade, wenn man aus Deutschland kommt, wo mindestens die Hälfte der Leute zu dick ist. Zumindest das Problem haben sie hier nicht. Und es liegt sicher nicht daran, dass es hier nichts zu essen gäbe.

Letztlich kehren wir zum Ausgangspunkt zurück und ans Licht des Tages.

Der Bus 405 bringt uns zurück nach Kronstadt. Es beginnt zu regnen, der Wind erreicht in Böen fast Orkanstärke. Super Wetter für die 400 km, die morgen vor uns liegen. Die Grenze noch nicht mit gezählt.
Breitengrad 59°56’18.6″ N – Längengrad 30° 18’53.9″ O