Mo.. Apr. 13th, 2026

Wie immer an Fahrtagen wache ich von allein auf. Ich schaue aus dem Fenster – das Wetter veralbert uns.

Strahlend blauer Himmel, kaum Wind. Hatte es gestern nicht noch geheißen Orkanböhen … ? Egal, besser sorum als andersrum. Der Hof, in dem unsere Maschinen stehen, hat schon nördliches Licht. 

Wir sind ja hier auch fast auf 60° nördlicher Breite; hell ist es seit halb vier, richtig dunkel wird es nicht mehr.

Das Packen dauert länger als geplant, wir kommen nicht vor 10 Uhr vom Hof. Die Kette an Jacobs Bike hat zuviel Spiel, wir werden das in Helsinki nachstellen. Aber zuerst müssen wir über die Russisch-Finnische Grenze. Und davor müssen wir erstmal dorthin.

Ich verpasse die letzte Tankstelle, bevor es auf die E20 Richtung Vyborg geht. Zumindest glaube ich das, die Erfahrungen aus Estland im Hinterkopf. Wir fahren noch ein paar Kilometer, dann drehen wir um  – das Risiko, irgendwo an der E20 in der russischen Pampa liegen zu bleiben ist mir zu groß. Wir kommen in einen kleinen Stau, aber letztlich finden wir nach ein paar Kilometern eine Tankstellen. Jacob wäre weitergefahren, er meint, da kommen noch Tankstellen rechtzeitig.

Er hat recht. Nach gut 10 Kilometern kommt die nächste Tanke. Ich werde heute Abend ein Bier ausgeben 😉

Das geplante Frühstück in Vyborg scheitert schlicht an der Tatsache, dass wir nichts finden, wo man frühstücken könnte. Diese Region, zu Zeiten des Kalten Krieges auf alles Mögliche eingestellt, nur nicht auf Touristen, hat definitiv noch Luft nach oben – in jeder Beziehung. Wir beschließen, die nächste Tanke zu besuchen, das preiswerte russische Benzin (weniger als halber Preis im Vergleich zu Deutschland) zu kaufen und dort etwas zu essen.

Ersteres ist natürlich kein Problem …

Aber richtig essen ist dann eher schlecht. Russischer Service in Verbindung mit amerikanischem Essen – das ist quasi die Kombination der Nachteile beider Welten. 

Aber wir müssen etwas essen, die erwartete Strecke liegt bei 402 km. Das ist richtig viel. Danach geht es besser, wir steuern die Grenze an. 

Eine Grenze im Nirgendwo. Die Abfertigung auf russischer Seite geht recht schnell, wir haben ja alle Papiere beisammen. Dann fahren wir ein Stück durchs Niemandsland. Und warten wieder, diesmal auf Finnischer Seite. Aber das ist irgendwie was anderes – wir sind wieder fast in der EU. 

Warten.

Die Flaggen zeigen es.

Und ich frage mich, was da auf Finnischer Seite so lange dauert …

Dann sind wir drüber. 

Es ist seltsam. Man fühlt sich als – mehr oder weniger – weit gereister Weltbürger. Aber der Unterschied zwischen dem russischen und dem EU Teil Europas ist doch ein großer. Wenn die Dinge gar so anders sind wird es schwierig.

Weiter gehts Richtung Helsinki. Noch 2 und eine halbe Stunde, ohne Autobahn. Wobei die finnische Autobahn eher einer deutschen Bundesstraße entspricht, und die finnsche Landstraße mit 80 km/h und oft und gern auch nur 60 eher den Landstraßen zweiter Ordnung bei uns. 

Wir wollen noch etwas essen und kehren in Kotka ein, einer Stadt mit ca. 50 Tausend Einwohnern. Aber auch da ist es nicht so einfach. Wir finden schließlich den „Türken an der Ecke“, essen gutes Falafel. Und gewöhnen uns langsam an die finnischen Preise. In etwa Faktor 2, wenn nicht 3 zu den deutschen Preisen.

Wir checken, wie lange wir noch brauchen werden. Ohne Autobahn 2 Stunden 25 Minuten, mit Autobahn 1 Stunde 27 Minuten – die Entscheidung fällt nicht schwer. So rasen wir – für unsere Verhältnisse – Helsinki entgegen. Uns erwartet eine tolle Wohnung, relativ zentral gelegen. Unser Kontakt, der nicht die Vermieterin ist, erwartet uns schon vor der Haustür. Alles sehr nett und freundlich.

Schlüsselübergabe, dann tragen wir die Koffer zum alten Fahrstuhl – so einer mit Gittertür und klappbarer Sitzbank, eben alte Schule. Und da passiert uns ein Mißgeschickt – der Schlüssel fällt herunter, genau in den Spalt zwischen Fahrstuhltür innen und außen. Weg ist er, liegt unter dem Fahrstuhl.

Mein Telefon mit den Kontaktdaten ist in der Wohnung, Jacob kann nur die Vermieterin anrufen. Die ist aber nicht erreichbar, wir haben uns ja deshalb auch nicht mir ihr, sondern ihrer Vertretung getroffen. Na prima!

Wie öffnet man die Fahrstuhltür, ohne das der Fahrstuhl in der Etage ist? Erst versuchen wir es mit Werkzeug, haben wir ja dabei. Geht nicht. Dann mit einem langen Schraubenschlüssel. Geht auch nicht. Schließlich fällt mein Blich auf einen Besen, der völlig einsam und unmotiviert in einer Ecke steht. Und damit geht es, besser gesagt mit dem Besenstiel. Wir vermuten, dass der Besen nur aus diesem Grund dort steht – es wird wohl öfter mal etwas unter den Fahrstuhl fallen. Gekehrt wurde mit dem Besen jedenfalls noch nicht oft, so wie er aussieht …

Alles also wieder gut. Kurz umziehen, und dann ohne Duschen in die nächte Kneipe, Fußball schauen. Deutschland gewinnt in der fünften Minute der Verlängerung gegen Schweden mit 2:1. Und alle jubeln für Schweden. Obwohl Finnland viele Jahrhunderte von Schweden besessen wurde, wie wir heute an der Grenze von einem schwedischen Biker erfahren haben. Die verstehe einer, die Finnen. Aber skuril …

 … sind sie schon 😉

Zwei Dinge sind es noch wert, erwähnt zu werden. Zum einen das Wetter – ein prächtiger Tag war es, ideal mit Sonne und Schönwetterwolken – wir gehen davon aus, dass es so bleibt. Und 449,4. Kilometer. Eine Monsteretappe. Es sollte die letzte dieser Länge gewesen sein, alle folgenden sind definitiv kürzer.

Morgen ist Ruhetag – haben wir uns verdient.  

Breitengrad: 60° 11′ 12,7″ N - Längengrad: 24° 54′ 59,7″ O - Höhe: 64 m
maps.google.com/?q=60.18686,24.91659