An diesen Satz des Motocross-Ausbilders musste ich heute öfters denken. Er deutete auf ein Mopped und fragte uns Newbies, was das sei. „Ein Motorrad …?“ kam es zaghaft aus den Reihen der Schüler. „Nein!“ donnerte es – das sei ein Sportgerät. Aber der Reihe nach.
Heute relativ früh aufstehen, Tee kochen, Mopped packen und los. Wobei die Frage, wohin mit der Thermoskanne voller Tee nicht ganz so trivial zu beantworten ist. Denn hier sind wir auf 1025 m, knapp 2500 m – oder mehr – stehen auf dem Plan. Da wird die Luft dünner, und eine gut verschlossenen Kanne neigt dann schon mal zum Aulaufen. Also außen anbringen.

Sieht nicht gut aus. Zweite Version.

Schon besser. Ich denke, ich werde an dieser Nichtauspuffseite noch einen kleinen Koffer o.ä. anbringen. Mal sehen.
Jetzt aber los. Die 29 Kehren, die ich gestern Abend schon einmal hoch und runter gefahren war sind noch da. Also wieder hoch. Oben wird es kälter, noch kälter als gestern. Wolken ziehen auf – Gebirge halt.
Die Strecke ist herausfordernder als erwaret. Ein Moppedfahrer, der hier schon einmal war, meinte im Vorfeld, diese sei einfach – dafür sei jene, die ich morgen fahren möchte schon schwieriger. Na ja, schaun wir mal. Auf jeden Fall erweist sich die Beschreibung des Moppeds als „Sportgerät“ hinreichend treffend – die Sache ist schweißtreibend. Aber macht mächtig Spaß!

Allzu lange dauert es nicht, und ich bin oben – am Colle delle Finestre auf 2176 m. Und ich bin nicht allein 😉

War ja auch nicht zu erwarten. Ich treffe zwei Münchner, die Ähnliches vorhaben wie ich. Und ein Ehepaar aus Traunstein, beide deutlich über 60 Jahre alt und beide mit schweren Maschinen und gut ausgestattet unterwegs. Respekt!
Weiter auf grobem Schotter. Morgen werde ich mal ein paar Bilder von der Piste machen, kann sich ja kein Mensch vorstellen 😉 heute war ich stattdessen während des Fahrens mit allerlei Fragen beschäftigt: Hält der Grip des Reifens? Tut er. Hält die Spur auch in der Kurve? Jupp, und wie sie das tut. Reicht die Federlänge aus, um die Löcher – kleine Abgründe würde es besser treffen – mitten in der Piste zu kompensieren? Sie reicht aus. Halten die Oberschenkelmuskeln das Stehen über 10, 20 km Offroad aus? Tun sie.
Die Route steigt und steigt und steigt.

Mit dererlei Fragen beschäftigt erreiche ich den Colle dell‘ Assietta.

Die Aussichten sind phantastisch.

Der Blick auf zurück auf die Serpentinen bietet einen kleinen Einblick auf die Piste.

Während ich einmal anhalte, um Photos zu machen, kommt mir der Traunsteiner Biker entgegen, hält und sagt: „Ich hatte Dich nicht mehr im Rückspiegel gesehen und wollte nur nachsehen, ob Du liegen geblieben bist.“ Das nenne ich Fürsorge oder Mitdenken oder Empathie oder Respekt. Von allem etwas.

Die Rücksicht, die wir hier draußen aufeinander nehmen, tut gut. Die Radler – ja, es gibt die Verrückten, die sich die etlichen Höhenmeter rauf und wieder runter quälen mit Brocken unter den Rädern, die ja nochmal größer erscheinen im Verhältnis zu deren Reifen als zu unseren – diese Radler nehmen Rücksicht auf die Wanderer, die Biker nehmen Rücksicht auf die Radler – alle sind sehr erfolgreich bemüht, die anderen vorzulassen. Autos fahren langsam bei Gegenverkehr, man lässt ich passieren.
Vielleicht ist das das Gesetz der Masse? Je mehr Menschen auf einem Haufen, desto weniger interessieren sie mich? Könnte sein. Insofern sind die Städte der Neuzeit in ihrer derzeitigen Form keine so gute Idee. Diese Illusion von Gemeinschaft, von „Urbanität“ ist eine Sackgasse. Wahrscheinlich gehört die Zukunft dem „Dorf 2.0“ – und damit ist nicht die „15-Minuten-Stadt“ gewisser interessierter Kreise gemeint, sondern eher das Gegenteil. Wir werden lernen müssen, wieder Gemeinschaften zu bilden, die den Namen verdienen. Und wir werden es lernen.

Ich komme gut voran, langsam merke ich die Strecke – es werden nachher fast 100 km sein, davon 60 offroad. Die Maschine kommt mit dem Gelände gut zurecht, keine Hindernisse. Wobei: bei manchen Hindernissen müssen alle warten.

Auch hier fährt das Auto weniger als Schritt, die Moppeds lassen gemächlich mit ausgeschaltetem Motor rollen. Damit der Hütehund weiter auf der Straße liegen und den Schafen beim Weiden zusehen kann.
Ich verlassen die Piste, fahre wieder bergab und lande vor einer Mautstelle auf der Autobahn. Ganz toll! Zumal ich den Campingplatz fast sehen kann und die nächste Abfahrt noch etliche Kilometer weg ist. Aber wenn die Italiener bei Rot über die Ampel fahren können, kann ich auch vor der Mautstelle wenden, mich durch die Absperrung zwischen den Fahrbahnen schlängeln und zurück fahren. Gedacht, getan.
So spare ich Maut und bin schneller als erwartet wieder im Camp. Den Tee, den ich die ganze Zeit dabei hatte trinke ich jetzt erst. Mit Kandis, der nach 100 km aussieht wie Gleisschotter.

Ich freue mich auf die Pause in „meinem“ Camp-Restaurant. Bis zur abendlichen Erkundungstour gibt es noch Nudeln mit Fleischbällchen. Merke: hast du ein Mopped, brauchst du keinen Campingtisch.

Start und Ziel: Gran Bosco Camping
Strecke: 99 km