Mo.. Apr. 13th, 2026

Heute konnte ich ein wenig ausschlafen. Grund war ein schon länger geplantes Telefonat mit einem Kollegen. Gegen 11 Uhr war das beendet, und ich mache mich auf den Weg. Ohne Navi, die Tour hatte ich mir gestern auf der Karte zusammen gestellt.

Das Wetter ist ideal, nicht zu warm, nicht zu kalt, nicht zu viel Sonne.

Es geht ziemlich genau nach Süden, um dann später nach Osten abzudrehen Richtung Züricher See.

Die Ausblicke sind spektakulär. Meine Stimmung es ist auch 😉

Die Route führt über den sogenannten Albispass. Der ist nicht so hoch, aber hat auf der Züricher Seite eine schöne Abfahrt. Auf der Passhöhe gibt es ein Restaurant. Auch hier mache ich wieder eine Erfahrung, wie zuvor schon einmal in Winterthur: ich warte zu lange. Und gehe folgerichtig wieder. Eine gute Entscheidung, wie sich etwas später in Adliswil zeigt. Denn hier gibt es direkt an der Straße eine nette kleine Brasserie, die mich freundlich und prompt mit einem Frühstück versorgt.

Während ich esse, fällt mir ein, dass ich ja Urlaub habe und den Pass noch einmal fahren könnte. Diesmal mit Photostop auf der Passhöhe. Und ich könnte die neue Telefonhalterung ausprobieren und gleich mal ein Video von der Fahrt machen.

Also montiere ich nach dem Frühstück das Händi auf den Lenker und schalte das Video ein. Die Video-App hat eine Option „Superstabil“, die wird auch gleich mit ausprobiert. Das Ergebnis ist überraschend gut, also eigentlich sehr gut.

Dann gibt es das Passfoto – also das Foto vom Pass runter Richtung Zürich.

Auf der Passhöhe treffe ich einen Schweizer Biker, der mir erzählt, er sei zu einem Rennen unterwegs. Ich schaue anerkennend, aber er lacht und sagt, er begleitet nur ein Fahrradrennen auf dem Motorrad. Das sei ein sehr schweres Fahrradrennen – also für die Fahrradfahrer, nicht für ihn …

Runter geht es wieder zum zweiten Mal an diesem Tag, dann durch Adliswil durch und rüber auf die Fernstraße 3, die direkt am Züricher See hinauf ins Zentrum führt. Ich such mir ein ruhiges Plätzchen zum Umziehen – wer will schon in Bikerklamotten einen Stadtbummel machen – hier bewährt sich der große Koffer, er nimmt Hose, Jacke und Stiefel perfekt auf – …

… lasse dann Kombi, Helm und Mopped gut gesichert zurück und starte meinen Rundegang durch Zürich Downtown.

Zürich ist schön. Muss man so sagen.

Leider auch unfassbar voll mit Leuten wie mir, die die Stadt besuchen. Und die dann doofe Bilder vor Zeitungsverlagen machen, die, gemessen an der aktuell flächendeckend zu findenden Journalismussimulation, noch halbwegs passable Ergebnisse liefern.

Dazwischen aber immer wieder Einheimsche, die durch ein gewisses Understatement auffallen – oder besser nicht auffallen. Man sieht, da ist Geld. Aber nicht wirklich protzig. Sondern wohl dosiert und in der Regel geschmackvoll.

Apropos geschmackvoll. Zürich ist, was ich nicht wusste, eine Stadt der Mode. Es gibt unzählige kleine, relativ unabhängige Geschäfte.

Es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Natürlich sind auch die großen Ketten vertreten. Aber sie dominieren nicht das Bild, es gibt keine „Standardfußgängerzone“ (der Name „Zone“ ist hier leider oft Programm), sondern alles verteilt sich über eine in Jahrhunderten gewachsene Stadtlandschaft.

Es gibt die großen Plätze, wo sich viele tummeln, aber auch die stillen Straßen …

… und die heimlichen Orte, wo der gestresste Reisende mit dem oder der Liebsten ausruhen kann.

In einer Seitenstraße entdecke ich ein alteingesessenes Tabak- und Pfeifengeschäft. Die Inhaberin erklärt mit auf Nachfrage ausführlich, was alles zu beachten wäre, begänne man mit dem Rauchen von Pfeifen. Als ich sage, das ich mich mit diesem Gedanke trage, drückt sie mir einen kleinen, selbstgebauten Ratgeber in die Hand.

Leider wird dieses Geschäft im Herbst schließen, so dass ich meine Pfeifen doch woanders erwerben muss.

Langsam wird es Zeit, die Stadt wieder zu verlassen, schließlich wartet 20 Uhr das zweite Konzert auf mich. Die Fahrt raus aus der Stadt gestaltet sich erwartbar zäh – viel Verkehr und viele Ampeln. Ich erreiche ohne Navi fast problemlos den Stadtrand im Westen und treffe auf die Fernstraße 1, die mich direkt nach Widen bringt. Geplant hatte ich, vor dem Konzert noch etwas zu essen, das muss aber ausfallen wegen Zeitmangels.

Kurz nach halb Acht erreiche ich Boswil, die Zeit reicht noch fürs Umziehen und für ein Bier im Hof.

Dann kommen sie, die Russen.

Das Konzert heute steht ganz im Zeichen der Großen Russen: Rachmaninov, Schostakowitsch, Tschaikowsky, Glinka, Kedrov und anderer. Unaufgeregt wird Kultur zelebriert. Niemand hat – soweit ich weiß – gegen das Konzert protestiert. Es findet einfach statt. Wohltuend.

Es beginnt mit dem Trio in e-Moll für Klavier, Violine und Cello op. 67 von Schostakowitsch. Ein eckiges, oft dissonantes Stück. Bravorös dargeboten von Julia Fischer, Maximilian Hornung und Daumans Liepiņš. Es gibt frenetischen Applaus. Schostakowitsch hat seine Stücke zu Sowjetzeiten geschrieben. Er war, das ist unstrittig, ein Genius. Ich frage mich, gerade nach dem Konzert mit Werken von Bach gestern, wie solche ungerechten, grausamen und seelenfernen Zeiten, wie Schostakowitsch sie erleben musste, auf die Kunst eines solchen Genius wirken. Offenbar sehr direkt, wenn ich dem Gehörten glauben darf. Wie anders, friedlicher und beseelter ging es dann offenbar bei Bach zu. Und was sagt Bachs Musik über seine Zeit? War sie vielleicht doch nicht so „unterentwickelt“, so „rückständig“, wie uns glauben gemacht wird?

Nach dem Trio eine Pause, danach der absolute Gegensatz. Klangmagie der russischen Seele, wie das Programmheft schreibt. Präsentiert, ach was schreibe ich – buchstäblich inkarniert steht sie vor mir, die russische Seele in Form und Klang des Tenebrae Chors. Kedrovs „otche nash“ erklingt, ein Klassiker des vielstimmigen, religiös über die Jahrhunderte fundierten Satzgesangs. Gern kombiniert mit den Basso Profundo der Östlichen Kirchen – die beiden Bässe von Tenebrae schlagen sich wacker. „Otche Nash“, „Vater unser“, war eines der ersten Stücke, auf die ich in diesem Feld aufmerksam wurde. Es gibt eine Aufnahme, die die Schönheit, die Eleganz und den Wohlklang des Stückes perfekt zeigt – man höre und staune.

Und, sehr interessant, mehrer Stücke von Rachmaninow. Man kennt ihn von seinen verrückten, expressiven Klavierkonzerten. Aber dass er geistliche Musik in dieser Menge geschrieben hat, war mir neu.

Es ist dunkel, ich stehe nach dem Konzert noch etwas um das große Feuer, das ein dienstbarer Geist entzündet hat. Ein englischer Besucher erzählt mir, dass er ein Fan der Geigerin ist und fast jedes Jahr nach Boswil kommt. Wir kommen ins Plaudern, und er rät mir zu, noch zu bleiben. Die nächsten Tage hätten noch schöne Vorstellungen zu bieten. Doch auch meine Reise wird weitere, schöne Vorstellungen bieten, ich bin mir sicher.

Als ich nach Hause komme, erlebe ich gleich eine solche. Letzte Mahlzeit war ja mein Frühstück, das ist nicht so viel. Ich lese, mehr zufällig, den Zettel, den meine Vermieterin geschrieben hat für die Gäste. Dort steht tatsächlich, man dürfe sich am wohlgefüllten Kühlschrank bedienen. Das ist selten, und rettet meinen kulinarisch/energetischen Abend.

Morgen geht es nach Martigny. Jetzt werde ich ersteinmal schlafen, es erwarten mich 5 Fahrstunden morgen. Es ist 2.30 Uhr, Zeit für einen Gute Nacht.

Start: Widen
Ziel: Widen
Via: Zürich
Strecke: 113,0 km
Gesamt: 580,4 km