Heute weckt mich die Sonne relativ spät. Das Zelt heizt sich nicht so sehr auf, ich kann bis halb Neun schlafen. Zu diesem Morgen passend mache ich mal wieder einen Kaffee mit meinem Kocher, dazu einen Keks aus der Schweiz 😉 Erinnerungen werden wach an den Schweizer Campingplatz – nur die guten.

Es stehen zwei Touren auf dem Plan. Die erste, die im Führer als „leichte Genußtour“ angegeben ist, führt von der SS24 östlich von Susa über das Örtchen Condove als Einstieg, dann nach Norden über einen Pass mit 1988 Metern, auf dem das Santuario della Madonna degli Angeli steht. Man kommt schließlich im besagten Tal Valle di Viu heraus.
Die zweite Tour soll mich zum Rifugio la Riposa führen und startet direkt in Susa und führt ebenfalls nach Norden hinaus. Ist leider keine Rundtour, sondern man muss wieder zurück.
Ich fahren entspannt gegen 10 Uhr aus dem Camp los, finde den Einstieg in Condove ohne Navi und fahren dann auf gutem Asphalt bergan in zahlreichen Serpentinen.

Heute ist es relativ warm, ich bin dankbar für jeden Meter, den ich im schattigen Wald fahren kann. Der Weg steigt und steigt, erreicht Dravugna und gibt bald den Blick frei.

Anfänglich tut der Weg noch so, als ob ein wenig Kies und Schotter nicht so schlimm wären.

Dann wird es rauh, sehr rau. Die Piste erinnert mich stellenweise an den Col de Sommeiller: steil, Geröll lose und in diversen Größen, kurvig.

Alles sehr schweißtreibend, ich muss das Visier vom Helm hochklappen, weil es beginnt zu beschlagen. Trotz allem oder gerade deswegen: die Aussichten sind großartig.

Ich treffe wenige Biker, alle stehend auf ihren Bikes, alle am Arbeiten. Das Wetter schlägt um, es wird kühl und Wolken ziehen über den Weg.

Dann bin ich oben, am Colle del Colombardo. Hier steht seit über 120 Jahren die Santuario della Madonna degli Angeli. Ziel von Pilgern und Bikern. Bin mir nicht sicher, ob die Kirche noch geweiht ist. Aber der Ort ist gut, viel Raum, viel Blick, viel Ruhe.

Ein englischer Fahrradfahrer – immer wieder: Respekt to the Radlers! – fragt mich, wo es nach Condove geht. Ich zeige ihm den Weg, bemerke aber: It’s gonne get rought! Er lacht und deutet auf die Richtung, aus der er gerade gekommen ist: There’s too!

Er sollte Recht behalten. Die Abfahrt steht dem Aufstieg in nichts nach.

Geröll, flussbettartig, gern garniert mit tiefen Rillen und schön ausgesetzten Stellen, an denen die Bremsen – oder meine Reaktionsfähigkeiten – nicht versagen sollten.
Gegen 14 Uhr erreiche ich das Valle die Viu. Ein verwunschenes, ruhiges Tal, dessen Bauten teilweise noch aus der Römerzeit stammen. Ursprünglich hatte ich überlegt, die Strecke auch wieder zurück zu fahren – aber nach der Erfahrung und im Hinblick auf meinen Gesamtzustand („Urlaub“) entscheide ich mich, über den Col de Lys zurück Richtung Susa zu fahren.
Eine gute Entscheidung. Der Col de Lys ist für Moppeds ein Eldorado. Kurven, Kurven, Kurven. Schöner Asphalt, wenig Verkehr. Die Passhöhe selber hat den üblichen Riesenparkplatz nebst zugehörigen Frittenbuden. Bloß schnell weiter!
Ich erreichen die SS24, meinen „Base Highway“ und fahre zurück nach Condove. Dort hatte ich heute Vormittag in kleines Bistro ausgespäht, welches mich mit kalter Lemonsoda, Americano (nicht kalt) und einem Sandwich energetisch wieder aufbaut.
Dann zurück nach Susa, und rechts ab Richtung Refugio. Es ist mittlerweile 16 Uhr. Die Strecke kommt mir bekannt vor. Ich erinnere mich, vor zwei Jahren schon einmal bis ungefähr zur Hälfte diese Route gefahren zu sein.
Diese Strecke ist tatsächlich reiner Genuß. Fußrasten und Stiefelspitzen können ein Lied davon singen. Weiter oben wechselt der Belag hin zu zivilisiertem Kies, nicht zu grob, nicht zu locker. Das Fahren macht Spaß und entspannt. Bald bin ich oben.

Kühe und wolkenreiche Ausblicke belohnen mich.

Ich mache eine kleine Pause, genieße die Aussicht und lasse mich dann entspannt wieder in Richtung Susa rollen.

Diesmal mit laufendem Motor, schließlich ist der Tank noch halb voll 😉

Gegen 18 Uhr laufe ich im Camp ein. Die Tour heute hatte tatsächlich mehr als 200 km, davon ein deutlicher Teil Geröll. Ankommen, duschen, ausatmen.
Und – Trara! – buchstäblich auf den letzten Kilometern knacke ich die 2000’er-Marke.

Ich sitze wieder im Restaurante und schreibe. Was ich nicht bedacht hatte, es ist Rushhour im Lokal. Der Tisch wird gebraucht. Aber der freundliche Bedienerich bietet mir das Hinterzimmer an. Er fragt mich, wo ich herkommen. Dann erzählt er mir, dass er einige Zeit in Süddeutschland herum gereist ist während seines Studiums. Er liebt Deutschland, sagt er. Da sind wir schon zwei, sag ich. Wir schmunzeln.
Das Hinterzimmer ist ein ruhiger Raum, in dem offenbar ab und an Kinder spielen. Hier entsteht, etwas abseits des Restauranttrubels, dieser Blog. Sobald der fertig ist, werde ich vom Hinterzimmer ins Vorderzimmer wechseln und Pasta mit lecker Etwas bestellen. Und nach diesem Tag sicherlich wieder gut und tief schlummern.
Start: Gran Bosco Camping
Ziel: Gran Bosco Camping
Via: Susa, Condove, Colle del Colombardo, Rifugio la Riposa
Strecke: 213,0 km
Gesamt: 2016,9 km