Es hat die ganze Nacht geregnet, ach, was sage ich: geschüttet. Jetzt, in der Frühe, ist der Himmel blank geputzt.

Mir ist nach einem süßen Frühstück, der kleine Supermarkt nebenan liefert das Benötigte.

Ich plane für heute zwei oder drei Routen. Die erste soll gleich die schwerste sein, zumindest behauptet das der Offroad-Führer. Die Strecke hört auf den lieblichen Namen: „Über dem Lac de Serre Ponçon“. Nun ist das mit der Bewertung ja so eine Sache, wie wir festgestellt hatten. Schwer kann einiges bedeuten, ich werde mich überraschen lassen.
Heute fahre ich ohne Gepäck. Der kleine Koffer ist für ein Daypack doch noch recht groß. Ich werde, sobald ich wieder zuhause bin, mit einem dritten, kleinen Koffer, mein Equipement kompletieren.
Ich kann nicht verhehlen, dass ich etwas aufgeregt bin, als ich in Emprun den Einstieg der Route suche – und finde. Es geht gleich gut los: ein Wasserlauf versperrt den Weg.

OK, ich steige ab und schaue mir die Sache an, sollte man wahrscheinlich immer machen. Es scheint machbar, und ist es auch. Was dann kommt, ist allerdings neu – zumindest für mich.
Die Route wird im Führer als steil, ausgewaschen, rutschig, mit Geröll und was weiß ich nicht alles noch, beschrieben. Was soll ich sagen: der Führer hatte recht. Die eigentliche Route ist nur ungefähr 6 km lang, aber das sind 6 km Adrenalin. Ich bin so etwas bisher noch nicht gefahren. Ich würde mich wahrscheinlich sogar zu Fuß schwer tun 😉
Beim Fahren fällt mir auf, dass es ja die ganze letzte Nacht geregnet hatte – das erklärt den Zustand der Strecke noch einmal besser. Tiefe, freigespülte Furchen, gern auch längst, erfordern Aufmerksam weit über das normale Maß hinaus. Ich hatte gestern schon hin und wieder das Gefühl, den Weg nicht zu beobachten, sondern tatsächlich „der Weg zu sein“ – heute wiederholt sich das.

Da kommt der Frontallappen nicht mehr mit, das machen ältere Bereiche des Hirns, habe ich den Eindruck. Mehrmals kommen meine Maschine und ich in Situationen – und wieder hinaus – von denen ich im Nachhinein gar nicht mehr so genau sagen könnte, was passiert ist. Geröll, Wasser, Schlamm, Furchen, Adrenalin, Motorengeräusch.
Dann bin ich oben. Unglaublich.

Ich hatte auf der Strecke mehrere Mountainbiker überholt. Kurz nach meiner Ankunft oben hat mich auch einer der Biker eingeholt. Er grinst. Ich rufe ihm zu: „C’est dure!“. Er lacht, sichtlich am Schnaufen, und erwiedert: „Un petit peu!“.
Ich fahre wieder zurück nach Emprun. Und genehmige dem Mopped eine kleine Pause.

Mir natürlich auch.

Die zweite Route heute, der Col Banier, ist als mittelschwer eingestuft. Sie erreicht über 2300 Meter und geht gleich um die Ecke los. Ich überquere die Durance, einen Fluß, der für sein wunderbar blaues Wasser bekannt ist.

Heute, nach der Regennacht, sieht er allerdings etwas anders aus.

Die Route steigt gut an, lange Asphalt, dann entspannter Waldweg. Über der Baumgrenze Geröll, aber nichts im Vergleich zur ersten Tour.

Wobei ich merke, dass man auf diesen Strecken nicht eine Sekunde – und das meine ich wörtlich – die Augen von der Piste lassen sollte. Eine Sekunde mal die Aussicht genossen, und man findet sich in einer unangenehm tiefen Rinne wieder, aus der nur schwer wieder zu entkommen ist.

Dann bin ich oben, auf dem Pass.

Es geht noch ein paar Meter höher zu Fuß. Die Aussicht ist grandios.

Ein Geländeagen mit Pärchen war kurz vor mir hier oben, dann sind sie gefahren. Stille, Alleinsein.

Auf der Strecke komme ich des öfteren an Schildern vorbei: „Route barrée!“. Offensichtlich hat die Regennacht so einiges ans Rutschen gebracht. Aber wer kann diese Schilder, und dann noch auf ausländisch, schon auf die Schnelle lesen 😉 ich komme jedenfalls überall durch, nicht zuletzt unterstützt durch mein gestärktes Selbstbewußtsein aufgrund der ersten Tour heute.
Letztlich komme ich noch an einer echten Baustellen vorbei mit Bagger und Kipper. Diese blockieren den Weg. Aber kein Problem: der Kipperfahrer gibt mir zu verstehen, dass er gleich an die Seite fahren wird, damit ich durchkomme. Und der Bagger macht ebenfalls Platz. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass man hier versucht, miteinander gut auszukommen – und nicht gegeneinander. Das ist auch bei den Begegnungen mit Radlern und Wanderern zu merken. Die meisten sind freundlich und rücksichtsvoll. Kaum einer scheint der Meinung zu sein, dass seine Fortbewegungsart die allein seelig machende ist und alle anderen zur Ewigen Verdammnis bestimmt sind.
Ich verlasse die Route und mache mich gleich auf den Rückweg. Noch ungefähr 40 Minuten, dann kann ich mein Mopped wieder an seinen Stammplatz stellen.

Auch heute werde ich wieder für mich kochen. Ich habe das starke Bedürfnis danach, obwohl ich gerne essen gehe. Aber gerade ist die eigene Zubereitung wichtiger. Es läuft dabei Tenebrae, die Bach interpretieren. Eine schöne Klammer vom Beginn der Reise zu heute.

Morgen wird schon der letzte reine Offroadtag sein. Ich habe mir eine Route heraus gesucht, die auch als „schwer“ markiert ist. Aber hey – haariger als heute kann es eigentlich nicht werden, oder 😉 ?
Start: Briançon
Ziel: Briançon
Via: Embrun, Lac de Serre Ponçon, Col Banier
Strecke: 186,0 km
Gesamt: 2501,1 km