Mi.. Apr. 15th, 2026

Sachen packen, rauf aufs Bike, starten, Gang einlegen, losfahren … gerne, wenn der Motor nicht beim Schalten ausgegangen wäre. Kenne ich bereits. Das ist die Schwachstelle dieses Wunderwerks Schwedischer Ingenieurskunst – der Magnetschalter am Seitenständer. Er soll verhindern, dass man mit ausgeklapptem Seitenständer losfährt. Gut gemeint, aber schlecht gemacht. Denn der Sensor, ein Magnet nebst Magnetschalter, ist recht empfindlich – insbesondere, was Verschmutzung angeht. Und Schmutz ist ja etwas, womit man bei einer Enduro so gar nicht rechnen kann, oder 😉 ?

Also wie kratz man mitten im bewaldeten Camp einen Magnetsensor sauber? Richtig, mit einem Tannenzapfen – der ist so richtig kross – Grüße an Ice Age Teil 1 gehen raus! Hatte gleich noch ein paar eingepackt, man weiß ja nie. Jedenfalls verhielten sich Sensor und Mopped nach erfolgter Säuberung so wie sie es sollten.

Raus auf die Piste und dann recht bald links ab, aufwärts Richtung Monte Jaffreau. Wie war das doch gleich? Gestern war einfach, heute ist schwieriger? Oh ja, das stimmt! Die Strecke ist steil, voller grobem Schotter, und – es ist Samstag – verstopft mit Geländewagen. Kein Witz, dort wo wir mit den Bikes gerade so durchkommen, klemmen die dicken 4-Wheel-Drives fest. Insbesondere dann, wenn einer rauf und der andere runter will. Wie schön, dass ich einfach vorbei fahren kann.

Erster Zwischenstopp, Pullover ausziehen, die ganze Sache verspricht schweißtreibend zu werden.

Wie üblich sind die Straßen vorsorgliche gesperrt, bis auf wenige Außnahmen. Also Leute, die wissen, was sie tun. Oder es zumindest glauben. Oder glaubhaft versichern können. Wie auch immer, weiter gehts.

Kurzer Tunnel, noch ein kurzer Tunnel. Dann ein langer. Schlagartig  ist es stockduster. Die Augen brauchen, gerade noch gleißendes Berglicht, jetzt nur noch Schwärze. Der Boden ist naß und rutschig, das Visier beschlägt, Sicht gegen null, langsam besser werdend. Dann natürlich Gegenverkehr, Gott sei Dank nur Moppeds, keine Jeeps. Fahre rechts ran und will den rechten Fuß abstellen – da ist aber nichts. Moment mal: Tunnel, Boden, Wand – aber rechts kein Grund? Also stütze ich mich mit der rechten Hand an der Tunnelwand ab, die ist glücklicherweise nicht so weit weg. Der Blick nach unten zeigt mir eine recht tiefe Wasserrinne, die talwärts führt. Aha, wieder was gelernt.

Zum Ende des Tunnels – das berühmte Licht ist schon zu sehen – noch eine Pfütze, besser See. In dessen Mitte ein Schlagloch, was das Durchqueren interessant macht. Aber dann bin ich draußen. Hell und trocken.

Nächster Zwischenstopp auf knapp 2600 m, natürlich auch nicht allein.

Aber das macht nicht wirklich etwas, man kennt sich, man grüßt sich.

Weiter bergan. Grober Schotter, Spurrillen. Und dann, kurz vor dem Gipfel, ändert sich der Straßenbelag. Er erweckt den Eindruck einer Römischen Heerstraße, gebaut kurz nach Christi Geburt. Spitze, verwitterte Steine, rechts und links kein Platz, oder der Abgrund, und das Ganze mit geschätzt 10% oder mehr Steigung.

Die Straßen und Wege hier sind natürlich nicht so alt. Sie sind zu großen Teilen sogar im 20. Jahrhundert entstanden beim Ausbau der Befestigungsanlagen.

Dann der Gipfel. Monte Jafferau. Franzosen, Deutsche, Italiener. Lonesome Rider, Familien, alles dabei.

Die Aussicht ist wieder einmal atemberaubend.

Die alten Befestigungsanlagen rotten vor sich hin, geben ein interessantes Ambiente hier auf 2824 m.

Von hier aus sieht die Straße ganz normal aus …

Ich laufe die letzten Meter zum eigentlichen Gipfel, manch anderer fährt, muss aber nicht sein. Hier oben ist Ruhe, Weite, Licht. Es stört tatsächlich nicht, dass ab und an ein Motorengeräusch zu hören ist. Diese Geräusche kommen und gehen, die Stille hier oben bleibt.

Die Versuchung, viele Bilder zu machen ist groß – ich widerstehe ihr, mehr oder weniger …

Ich lasse mir Zeit. Vesper.

Profanes Mahl, aber grandiose Aussicht.

Und ohne Mütze geht es sowieso nicht 😉

Dann geht es runter. Wobei „runter“ es nicht ganz trifft. Es ist ein Ritt auf gröbstem Schotter.

Wenn man Glück hat, gibt es ein Spur. Oft gibt es die nicht. Die Piste ist so unfassbar steil, dass der Spruch „Wer bremst, verliert.“ hier alle Gültigkeit aushaucht. Nur wer bremst, überlebt hier. Sobald die Geschwindigkeit einen bestimmten Wert überschritten hat, und wir reden hier von 3 oder 4 km/h, greifen selbst die grobstolligen Reifen nicht mehr, man kommt ins Rutschen und das wars dann – spätestens in der nächsten Kurve geht es einfach geradeaus weiter. Was keine gute Idee ist und das Ende der Tour, des Urlaubs oder von noch Wichtigerem wäre.

Also stottere ich mich im 1. Gang, im Stehen, mit dem Fuß auf der Hinterradbremse, der rechten Hand an der Vorderradbremse, der linken Hand an der Kupplung – immer bereit, aus- oder einzukuppeln – Richtung Tal.

Was für eine Erfahrung. Man spürt, dass es eine gewisse Wichtigkeit hat, jetzt und genau jetzt voll bei der Sache zu sein. Keine Zeit für Fragen wie letztens. Bei diesem Gefälle versteht man, dass das Wort „Gefälle“ tatsächlich von „fallen“ kommt.

Das Ganze dauert länger als man eigentlich in so einer Situation verbringen möchte. Aber Zeit verliert interessanterweise ihre Bedeutung in solchen Situationen. Sie sind buchstäblich zeitlos.

Dann, bei Kilometer 33,2 tatsächlich Asphalt. Asphalt! Welch‘ Wohltat für die Reifen, den Motor, die Kupplung, die Oberschenkel, die Armmuskeln – einfach alles!

Ich fahre nach Bardonecchia rein, den Endpunkt der Route – und der Ausgangspunkt für morgen zum Coll des Sommelier. Alles voller Biker 😉

Aber wir sind willkommen.

Mein „I survived Monte Jafferau“ 😉 Bild:

Cappuccino und Wasser und etwas ausruhen sind angesagt. Der Ort ist nett, nicht so überlaufen.

Ich beschließe, noch einen Abstecher nach Frankreich zu machen. Es ist noch nicht so spät, und ein wenig Kurvenfahren täte schon gut.